07.08.2025
Der Wandelgrund ist ein kleiner, zauberhafter Hof im Ortsteil Naußlitz im Südwesten von Dresden. Er ist noch wenigen Menschen bekannt. Damit sich das ändert, habe ich diesen Artikel geschrieben.
Wer den Wandelgrund besucht und wieder hinunter in die Stadt fährt, kann mehr mitnehmen als Gemüse, Brot, Eier, Honig und Obst. Der Hof wirft Fragen auf: Wie viel Fläche braucht ein Mensch, um gut versorgt zu sein? Welche Kosten stecken wirklich in unserem Essen – auch jene, die wir über Klimafolgen und Gesundheit bezahlen? Und wie sähe eine Stadt aus, in der solche kleinen, vielfältigen Höfe nicht die Ausnahme, sondern selbstverständlicher Teil der Versorgung wären?
Vom Wiesengrund zum Wandelgrund
Der Wandelgrund liegt etwas abseits der Saalhausener Straße, nur über einen Feldweg erreichbar. Das Gelände umfasst rund zweieinhalb Hektar mit Wohnhaus, Wirtschaftsgebäuden, Stallungen, Obstwiesen, Gemüsebeeten und kleinen Getreideparzellen, auf denen unter anderem mehrjähriger Roggen steht. Historisch geht der Ort auf den „Wiesengrund“ zurück, einen nach dem Gärtnerhofkonzept geführten Kleinbauernhof, der zu DDR‑Zeiten und darüber hinaus von der Familie Ludewig bewirtschaftet wurde.
Der Mann, der diesen Hof prägte, fand einst eine Lücke im System: Im Sommer arbeitete die Familie auf den Feldern, im Winter entstanden nach und nach neue Gebäude, die bis heute das Ensemble bestimmen. Nach seinem Tod suchten die Erben Menschen, die das Grundstück weiter ökologisch bewirtschaften wollten – so kamen Ludwig und Lena ins Spiel, die 2023 einen Pachtvertrag unterschrieben und den Ort in „Wandelgrund“ umbenannten.
Eine Biografie, die zurückkehrt
Für Ludwig ist der Wandelgrund eine Rückkehr: Er ist in der Nähe aufgewachsen und war als Grundschüler selbst im Landwirtschaftspraktikum der Dresdner Waldorfschule auf diesem Hof, damals noch beim alten Herrn Ludewig. Später studierte er Agrarwissenschaften in Halle, suchte nach Alternativen zur konventionellen Lehre und vertiefte sich in Schweden in Agrarökologie. Als er durch Bekannte vom anstehenden Generationswechsel im Wiesengrund erfuhr, schrieb er im sprichwörtlich richtigen Moment eine E‑Mail – aus dieser E‑Mail entwickelte sich die Hofübergabe, aus dem Wiesengrund der Wandelgrund.
Lena bringt ihre Erfahrungen vom Land aus Baden‑Württemberg mit, wo ihr Großvater einer der letzten Landwirte im Dorf war. Beide haben mit dem Wandelgrund keinen romantischen Nebenort geschaffen, sondern ihren Lebensmittelpunkt: Haus, Kind, Hof – und den Anspruch, Landwirtschaft, Bildung, Kunst und Kultur an einem Ort zu verbinden.
Landwirtschaft auf kleiner Fläche
Heute ist der Wandelgrund ein ökologischer Mischbetrieb, der zeigt, was auf begrenzter Fläche möglich ist. Auf den Feldern wachsen Roggen, Weizen, Einkorn, Erbsen und verschiedene Gemüsearten wie Kartoffeln, Rote und Gelbe Bete, Möhren, Zwiebeln, Bohnen, Zucchini, Kürbis und Mais; dazu kommen Obstbäume mit Äpfeln, Birnen, Pflaumen, Renekloden sowie zahlreiche Beerensträucher.
Besonders ins Auge fällt der mehrjährige Roggen, dessen dichter Bestand von einer vielfältigen Begleitflora durchzogen ist. Ludwig hat dazu ein Forschungsprojekt mit der HTW Dresden initiiert, in dem es um die Chancen mehrjähriger Getreide für Bodenfruchtbarkeit, Ertrag und Arbeitsaufwand geht.
Den alten Ferguson‑Mähdrescher hat Ludwig von seinen Großeltern bekommen – eine Maschine, mit der er schon als Kind auf dem Schoss des Großvaters mitgefahren ist. Er holte sie aus dem Erzgebirge nach Dresden. Der Ferguson passt perfekt in dieses Bild: eine Maschine, deren Größe und Technik zu einem kleinen, vielfältigen Betrieb passen, nicht zu tausenden Hektar Monokultur. Sie ist ein Werkzeug, das Generationen verbindet und Wissen bewahrt.
An einem heißen Sommertag durfte ich erleben, wie Ludwig mit dieser Maschine das Getreide dreschte. Etwa die Hälfte des Feldes war eingeholt, als die Maschine plötzlich in der prallen Sonne stehen blieb – ein technisches Problem mitten im Getreide. Auf großen Feldern mit modernen Maschinen hätte dies bedeutet: einen Spezialisten anrufen, die Maschine abschleppen oder eine Ersatzmaschine anfordern – aufwendig und teuer. Ludwig hingegen lief in wenigen Minuten hinunter in seine Werkstatt und kam mit dem passenden Werkzeug zurück. Er musste nur warten, bis die Maschine sich ein wenig abgekühlt hatte, bevor er die Reparatur in der Hitze vornehmen konnte. Mit ruhiger Hand und großer Erfahrung brachte er die alte Ferguson wieder zum Laufen.
Die Hitze offenbarte zwei Dinge: erstens, dass der Besitz einer eigenen Werkstatt und tiefe Maschinenkenntnis –eine Form von Unabhängigkeit und Resilienz ist, die große Betriebe nicht haben. Zweitens zeigt es, wie sehr die alte Technologie zu diesem Hof passt. Ein lebendiges Museum. Doch beim Zusehen fragte ich mich auch: Wie wird die Landwirtschaft aussehen, wenn es immer heißer wird? Wird es in 50 Jahren noch Landwirtschaft geben oder zieht die Landwirtschaft um, in gekühlten und LED-beleuchteten Fabrikhäusern?
Bemerkenswert ist auch das Netzwerk, in dem Ludwig sich bewegt: Ferguson-Fahrer tauschen weltweit Wissen und Material aus. Diese Maschinen gibt es kaum noch in Deutschland und Europa, doch die Community dahinter ist lebendig. Das ist eine Form von Zusammenhalt und gegenseitiger Hilfe, die man von den großen Agrarkonzernen nicht behaupten kann.
Tiere, Bäume und Bienen als Mitbewohner
Zur Landwirtschaft gehört hier immer auch Tierhaltung: Auf den Wiesen zwischen den Bäumen weiden Schafe, die als Landschaftspfleger und zugleich als Bildungsanlass dienen. Besonders sind die Dresdner Hühner – eine in den 1950er‑Jahren in der Region gezüchtete Zweinutzungsrasse, die Eier legt und zugleich Fleisch ansetzt. Im Agroforstsystem unter Obstbäumen finden sie Schatten, Schutz und Futter, während ihre Bewegung und ihr Mist den Boden beleben.
Zwischen Obstbäumen und Beeten stehen am Wandelgrund auch mehrere Bienenstöcke, die an einem heißen Sommertag zur Bühne für eine kleine Honigernte wurden, die ich mit meiner Tochter miterleben durfte. Während ein Imker die Waben vorsichtig aus dem Bienenstock hob und in das kleine Schleuderhäuschen trug, stand meine Tochter ein paar Meter entfernt zwischen den Brombeersträuchern und naschte Beeren – sicher, aber mitten im Geschehen. Drinnen erklärte Ludwig ihr geduldig, wie die Honigschleuder funktioniert, warum die entdeckelten Waben erst mit einer speziellen Gabel geöffnet werden und wieso es sich beim Drehen der Trommel anhört, als würde draußen ein Sommerregen einsetzen. Als der erste goldene Honig an der Wand der Trommel hinunterlief, durften wir probieren: Er schmeckte dichter, süßer, intensiver als jeder Honig aus dem Glas im Supermarkt und hätte an diesem heißen Tag perfekt auf eine Kugel Eis gepasst. Gleichzeitig wurde klar: Die Bienen sind hier nicht nur Honiglieferanten, sondern wichtige Mitarbeiterinnen für die Bestäubung der Bäume und Sträucher, die den Wandelgrund so fruchtbar machen.
Lernen, zeigen, diskutieren
Der Wandelgrund versteht sich nicht in erster Linie als Produktionsbetrieb, sondern als Ort des Zeigens und Lernens. Ludwig sagt selbst, dass es auf dieser Fläche schwer wäre, allein über den Verkauf von Produkten zwei Einkommen zu finanzieren – dafür bräuchte es eine andere Art von Effizienz, mehr Technik, längere Öffnungszeiten. Stattdessen setzen er und Lena darauf, Vielfalt sichtbar zu machen: Tomaten, die in Roggenmulch wachsen, Kartoffeln, die mit viel Handarbeit und Schulklassen angebaut werden, Hühner, die unter Obstbäumen laufen.
In Zusammenarbeit mit der Dresdner Waldorfschule bauen Schülerinnen und Schüler einen mobilen Hühnerstall und erleben den Weg vom Ei bis zum fertigen Stall. Über Hühnerpatenschaften können Menschen aus der Stadt Verantwortung für Tiere übernehmen und regelmäßig Eier abholen, ohne selbst einen Stall im Garten zu haben. Führungen, Kurse zum Imkern oder zum Bau von Holzrechen sowie Veranstaltungen des Vereins Werk Wandel Dresden machen den Hof nach und nach zu einem öffentlichen Lernort.
Ein Hof als Frage an die Stadt
Für Ludwig und Lena bleibt der Alltag dabei ein Balanceakt zwischen Idealismus und wirtschaftlicher Realität. Sie sind Anfang 30, haben eine Familie gegründet, einen Hof übernommen und bauen sich gerade ihren Lebensort auf – mit viel Freiheit, aber auch mit der Verantwortung, dass am Ende des Monats genug Geld da ist. Der Wandelgrund zeigt, wie viel auf kleiner Fläche möglich ist, und stellt gleichzeitig die Frage, welche Art von Landwirtschaft wir als Gesellschaft unterstützen sollten.
Ich hoffe, dass der Wandelgrund in ein paar Jahren kein Geheimtipp mehr sein und sich zu einem wichtigen Treffpunkt in der Stadt entwickelt. Gerade jetzt, lässt sich hier etwas wichtiges beobachten, das selten geworden ist: wie ein Hof mit seiner Geschichte nicht stirbt, sondern in neuen Händen weiterlebt.
Wandelgrund is a small, enchanting farm in the Naußlitz district in the southwest of Dresden. It is still known to only a few people. To change that, I wrote this article.
Anyone who visits Wandelgrund and heads back down into the city can take away more than just vegetables, bread, eggs, honey, and fruit. The farm raises questions: How much land does a person need to be well supplied? What costs are truly embedded in our food – including those we pay through climate impacts and health? And what would a city look like in which such small, diverse farms were not the exception, but a natural part of the food supply?
From Wiesengrund to Wandelgrund
Wandelgrund is set slightly off Saalhausener Straße, reachable only via a field track. The grounds cover around 2.5 hectares with a house, farm buildings, stables, orchard meadows, vegetable beds, and small cereal plots, including perennial rye. Historically, the site goes back to “Wiesengrund,” a smallholding run according to the market-garden farm concept, which was managed by the Ludewig family during the GDR era and beyond.
The man who shaped this farm once found a gap in the system: in summer the family worked in the fields; in winter, new buildings gradually arose, still defining the ensemble today. After his death, the heirs looked for people who wanted to continue managing the property organically—and that is how Ludwig and Lena came into the picture. They signed a lease agreement in 2023 and renamed the place “Wandelgrund.”
A Biography That Returns
For Ludwig, Wandelgrund is a return: he grew up nearby and, as a third-grader, completed his agricultural internship at this very farm—then still with old Mr. Ludewig—as part of the Dresden Waldorf School program. Later he studied agricultural sciences in Halle, sought alternatives to conventional teaching, and deepened his focus on agroecology in Sweden. When he heard through acquaintances about the impending generational change at Wiesengrund, he sent an email at the proverbially right moment—from that email grew the farm transfer, and from Wiesengrund emerged Wandelgrund.
Lena brings experience from the countryside in Baden‑Württemberg, where her grandfather was one of the last farmers in the village. Together, with Wandelgrund they have not created a romantic side project, but the center of their lives: home, child, farm—and the ambition to combine agriculture, education, art, and culture in one place.
Farming on a Small Scale
Today, Wandelgrund is an organic mixed farm that shows what is possible on limited land. The fields grow rye, wheat, einkorn, peas, and various vegetables such as potatoes, red and yellow beets, carrots, onions, beans, zucchini, pumpkin, and maize; in addition there are fruit trees with apples, pears, plums, and greengages, as well as numerous berry bushes.
Particularly striking is the perennial rye, whose dense stand is interwoven with a diverse accompanying flora. Ludwig has initiated a research project with HTW Dresden on the potential of perennial cereals for soil fertility, yield, and labor input.
Ludwig received the old Ferguson combine harvester from his grandparents—a machine he rode on as a child on his grandfather’s lap. He brought it from the Ore Mountains to Dresden. The Ferguson fits perfectly into this picture: a machine whose size and technology suit a small, diverse farm, not thousands of hectares of monoculture. It is a tool that connects generations and preserves knowledge.
On a hot summer day, I witnessed Ludwig threshing grain with this machine. About half the field had been harvested when the machine suddenly stopped in the blazing sun—a technical problem right in the grain. On large fields with modern machinery, this would have meant calling a specialist, having the machine towed, or requesting a replacement—costly and time-consuming. Ludwig, by contrast, walked down to his workshop within minutes and returned with the right tool. He only had to wait until the machine had cooled slightly before carrying out the repair in the heat. With a calm hand and great experience, he got the old Ferguson running again.
The heat revealed two things: first, that owning one’s own workshop and having deep mechanical knowledge is a form of independence and resilience that large farms do not have. Second, it shows how well the old technology fits this farm—a living museum. Yet while watching, I also wondered: What will agriculture look like as it gets hotter? Will there still be agriculture in 50 years, or will it move into cooled, LED-lit factory buildings?
Also remarkable is the network Ludwig moves within: Ferguson drivers exchange knowledge and parts worldwide. These machines are now rare in Germany and Europe, yet the community behind them is alive. This is a form of cohesion and mutual aid that cannot be said of large agribusiness corporations.
Animals, Trees, and Bees as Co‑Residents
Here, agriculture always includes animal husbandry: sheep graze on the meadows between the trees, serving both as landscape managers and as an educational opportunity. Particularly notable are the Dresden chickens—a dual-purpose breed developed in the region in the 1950s that lays eggs and also produces meat. In the agroforestry system beneath fruit trees they find shade, shelter, and feed, while their movement and manure enliven the soil.
Between the fruit trees and beds there are also several beehives at Wandelgrund, which on a hot summer day became the stage for a small honey harvest that I experienced with my daughter. As a beekeeper carefully lifted the frames from the hive and carried them into the small extractor shed, my daughter stood a few meters away among the blackberry bushes, nibbling berries—safe, yet right in the middle of the action. Inside, Ludwig patiently explained to her how the honey extractor works, why the uncapped frames must first be opened with a special fork, and why, as the drum turns, it sounds as if summer rain were starting outside. When the first golden honey ran down the wall of the drum, we were allowed to taste it: it tasted denser, sweeter, more intense than any jarred honey from the supermarket, and on that hot day it would have been perfect on a scoop of ice cream. At the same time, it became clear: the bees here are not just honey suppliers, but essential workers for pollinating the trees and shrubs that make Wandelgrund so fertile.
Learning, Showing, Discussing
Wandelgrund sees itself less as a production operation and more as a place for showing and learning. Ludwig himself says that on this area it would be difficult to finance two incomes solely through product sales—that would require a different kind of efficiency, more technology, longer opening hours. Instead, he and Lena focus on making diversity visible: tomatoes growing in rye mulch, potatoes cultivated with much handwork and school classes, chickens roaming beneath fruit trees.
In cooperation with the Dresden Waldorf School, pupils build a mobile chicken coop and experience the journey from egg to finished coop. Through chicken sponsorships, people from the city can take responsibility for animals and regularly collect eggs without having their own coop in the garden. Tours, beekeeping courses, workshops on building wooden rakes, and events organized by the Werk Wandel Dresden association are gradually turning the farm into a public learning site.
A Farm as a Question to the City
For Ludwig and Lena, everyday life remains a balancing act between idealism and economic reality. They are in their early thirties, have started a family, taken over a farm, and are building their place of life—with much freedom, but also with the responsibility that there is enough money at the end of the month. Wandelgrund shows how much is possible on a small area, while at the same time posing the question of what kind of agriculture we, as a society, should support.
I hope that in a few years Wandelgrund will no longer be a hidden gem, but will develop into an important meeting place in the city. Especially now, something important can be observed here that has become rare: how a farm with its history does not die, but continues to live in new hands.





































































Victor Smolinski
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