Ziegenwanderung Sächsische Schweiz

02.11.2023

Wandern in der Sächsischen Schweiz zählt zu den schönsten Erlebnissen, die man in Deutschland haben kann: steile Felsen, tiefe Wälder, malerische Ausblicke. Doch was diese Landschaft wirklich besonders macht, sind nicht nur die Sandsteingipfel und das Elbtal – es sind auch die Menschen, die sie pflegen, schützen und mit Leben füllen. Einer dieser Menschen ist Patrick Pietsch: Ziegenhirte, Naturschützer, Züchter und stiller Botschafter einer Idee, die zeigt, wie Artenschutz, Tourismus und Klimaschutz zusammenwachsen können.

Wer Patrick noch nicht kennt, sollte ihn treffen – am besten auf einer seiner geführten Ziegenwanderungen durch die Felslandschaft rund um Königstein, Pfaffenstein und Quirl. Dort wird schnell klar: Ziegen sind nicht nur charmante Begleiter, sondern unverzichtbare Partner in der Landschaftspflege – und ein lebendiges Beispiel dafür, wie Naturschutz ganz praktisch funktionieren kann.

Bereits von weitem hört man die kleinen Glocken und das charakteristische „Bääähn” der Herde. Der Treffpunkt liegt meist am Fuße des Quirls, mit Blick auf die Festung Königstein – Panorama inklusive. Hier beginnt nicht nur eine Wanderung, sondern auch eine Begegnung mit einer fast vergessenen Form des Wirtschaftens: der extensiven Weidehaltung auf steilen, schwer zugänglichen Grünlandflächen, die sonst kaum genutzt werden könnten.

Patrick Pietsch führt die Touren selbst – und erzählt dabei von der Geschichte der Thüringer Waldziege, einer vom Aussterben bedrohten Rasse, die er im Herdbuch züchtet. Diese robusten, kletterfreudigen Tiere sind perfekt an die steilen Hänge der Sächsischen Schweiz angepasst. Wo Maschinen nicht hinkommen und menschliche Arbeitskraft an ihre Grenzen stößt, fressen die Ziegen Gestrüpp, invasive Pflanzen und Gehölzaufwuchs – und schaffen damit Raum für Artenvielfalt, lichtliebende Pflanzen und offene Landschaft.

Das klingt technisch, wird aber im Gelände sofort sinnlich: Wer mit den Ziegen auf den Quirl steigt, sieht, wie die Tiere die Vegetation gezielt „gestalten”, wie Licht auf den Boden fällt und wie sich Flora und Fauna entfalten können. Landschaftspflege wird hier nicht mit dem Freischneider gemacht, sondern durch lebendige Tiere, die gleichzeitig Fleisch, Milch und Nachkommen liefern – und nebenbei eine bedrohte Nutztierrasse erhalten.

Patrick Pietsch ist kein studierter Landwirt oder Förster – er hat an der HTW Dresden Wirtschaftsinformatik studiert und seine Abschlussarbeit über effizientere Wege der Signalübertragung geschrieben. Ursprünglich wollte er in der freien Wirtschaft arbeiten. Doch während des Studiums engagierte er sich bei der Initiative Ökologie (TUUWI) an der TU Dresden, die sich mit Selbstversorgung, nachhaltiger Landwirtschaft und ökologischem Wirtschaften beschäftigt.

Was als Interesse begann, wurde zur Leidenschaft – und schließlich zum Beruf. Zum Ende seines Studiums startete Patrick das Projekt Ziegen-Wanderung, suchte geeignete Flächen rund um Königstein und begann, Thüringer Waldziegen zu züchten. Heute betreibt er den Ziegen-Hof Königstein, einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb, der Grünlandflächen bewirtschaftet, eine bedrohte Nutztierrasse erhält und gleichzeitig als Bildungs- und Begegnungsort dient.

Wer Patrick bei seinen Vorträgen zuhört, könnte meinen, er habe Landschaftsökologie studiert – so fundiert, lebendig und begeisternd spricht er über Beweidungskonzepte, Sukzession, Artenvielfalt und die Rolle der Ziege im Ökosystem. Seine Begeisterung steckt an – und macht aus einer einfachen Bergwanderung ein intensives Naturerlebnis.

Inzwischen ist Patrick weit über die Region hinaus bekannt. Familien, Schulklassen, Wandergruppen und Naturschutzinteressierte melden sich von überall für die Touren an, die über ziegen-wanderung.de gebucht werden können. Auch Privatpersonen fragen zunehmend an, ob Patrick mit seiner Herde Flächen beweiden kann – steile Hanggrundstücke, verwilderte Wiesen, schwer zugängliche Brachflächen.

Die Nachfrage wächst schneller, als Patrick allein bewältigen kann. Manche Anfragen muss er inzwischen ablehnen. Was fehlt, sind Mitstreiter*innen: Menschen, die Lust haben, als Hirtin oder Hirte zu arbeiten, die Landschaft und Tiere lieben und bereit sind, diese besondere, anspruchsvolle Form der Landwirtschaft mitzugestalten. Der Ziegen-Hof bietet deshalb ab September 2025 FÖJ- und Ö-BFD-Plätze an – eine Möglichkeit, in diese Arbeit hineinzuschnuppern und gleichzeitig einen sinnvollen Beitrag zum Naturschutz zu leisten.

Auch die Rahmenbedingungen spielen eine Rolle. Patrick engagiert sich seit Jahren für eine bessere finanzielle Unterstützung kleiner Schaf- und Ziegenhalter*innen. Eine Petition von 2019 wurde zwar vom Sächsischen Landtag abgelehnt, doch inzwischen hat sich einiges verbessert: Wo es früher erst ab 50 Tieren Prämien gab, liegt die Schwelle heute bei 37 Tieren.

Patrick plädiert dafür, die Förderung bereits ab 20 Tieren zu gewähren – besonders im steilen, kleinräumigen Gelände der Sächsischen Schweiz macht das Sinn. Kleinere Herden lassen sich hier leichter managen, und eine niedrigere Förderschwelle würde mehr Menschen ermutigen, in die Landschaftspflege mit Tieren einzusteigen. Für die Region wäre das ein echter Gewinn – für die Artenvielfalt, für den Tourismus, für die Kulturlandschaft.

Oben auf dem Quirl angekommen, mit Blick über Felsen, Wald und Elbtal, wird spürbar, was Patrick Pietsch mit seinem Projekt geschaffen hat: einen lebendigen Beweis dafür, dass Naturschutz, nachhaltige Landwirtschaft und regionale Wertschöpfung keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig stärken können. Die Ziegen sind dabei mehr als Sympathieträger – sie sind Werkzeug, Partner und Motivation zugleich.

Für Wanderfreund*innen, Naturschutzaktive und politisch Interessierte ist eine Ziegenwanderung deshalb weit mehr als ein netter Ausflug: Es ist eine Begegnung mit einer anderen Art, Landschaft zu nutzen, zu pflegen und zu verstehen. Wer einmal dabei war, geht mit einem neuen Blick durch die Sächsische Schweiz – und vielleicht auch mit der Einsicht, dass es nichts Gutes gibt, außer man tut es.

Mehr Informationen zu den Touren, zum Hof und zu den Freiwilligenstellen gibt es unter ziegen-wanderung.de und ziegen-hof.de

Hiking in Saxon Switzerland counts among the most beautiful experiences you can have in Germany: steep rocks, deep forests, picturesque views. Yet what truly makes this landscape special are not only the sandstone peaks and the Elbe valley—it is also the people who care for, protect, and bring it to life. One of these people is Patrick Pietsch: goatherd, nature conservationist, breeder, and quiet ambassador of an idea that shows how species protection, tourism, and climate action can grow together.

Anyone who does not yet know Patrick should meet him—ideally on one of his guided goat hikes through the rocky landscape around Königstein, Pfaffenstein, and Quirl. There it quickly becomes clear: goats are not only charming companions, but indispensable partners in landscape management—and a living example of how nature conservation can work in practice.

From afar, you can already hear the small bells and the characteristic “Bääähn” of the herd. The meeting point is usually at the foot of the Quirl, with a view of the Königstein Fortress—panorama included. What begins here is not just a hike, but also an encounter with an almost forgotten form of land use: extensive grazing on steep, hard-to-reach grassland that would otherwise hardly be usable.

Patrick Pietsch leads the tours himself—and talks about the history of the Thuringian Forest goat, an endangered breed that he breeds and registers in the herdbook. These robust, climbing-loving animals are perfectly adapted to the steep slopes of Saxon Switzerland. Where machines cannot reach and human labor reaches its limits, the goats eat scrub, invasive plants, and woody growth—and thereby create space for biodiversity, light-loving plants, and open landscape.

That may sound technical, but out in the field it immediately becomes a sensory experience: those who climb the Quirl with the goats see how the animals “shape” the vegetation in a targeted way, how light falls to the ground, and how flora and fauna can unfold. Here, landscape management is not done with a brush cutter, but by living animals that simultaneously provide meat, milk, and offspring—and, incidentally, preserve an endangered livestock breed.

Patrick Pietsch is not a trained farmer or forester—he studied business informatics at HTW Dresden and wrote his thesis on more efficient methods of signal transmission. Originally, he wanted to work in the private sector. But during his studies, he became involved with the Ecology Initiative (TUUWI) at TU Dresden, which deals with self-sufficiency, sustainable agriculture, and ecological economics.

What began as an interest became a passion—and eventually a profession. Toward the end of his studies, Patrick launched the Goat Hike project, searched for suitable land around Königstein, and began breeding Thuringian Forest goats. Today, he runs the Ziegen-Hof Königstein (Königstein Goat Farm), a small agricultural operation that manages grassland, preserves an endangered livestock breed, and at the same time serves as a place for education and encounter.

Those who listen to Patrick’s talks might think he studied landscape ecology—he speaks so knowledgeably, vividly, and enthusiastically about grazing concepts, succession, biodiversity, and the role of goats in the ecosystem. His enthusiasm is contagious—and turns a simple mountain hike into an intense nature experience.

By now, Patrick is well known far beyond the region. Families, school groups, hiking clubs, and nature conservation enthusiasts sign up for the tours from all over, booking via ziegen-wanderung.de. Private individuals are also increasingly asking whether Patrick can graze his herd on their land—steep hillside plots, overgrown meadows, hard-to-reach fallow areas.

Demand is growing faster than Patrick can handle alone. He now has to decline some inquiries. What is missing are allies: people who would like to work as shepherds, who love the landscape and the animals, and who are ready to help shape this special, demanding form of agriculture. From September 2025, the Ziegen-Hof will therefore offer FÖJ (Voluntary Ecological Year) and Ö-BFD (Ecological Federal Voluntary Service) positions—an opportunity to get a taste of this work while making a meaningful contribution to nature conservation.

The broader framework also plays a role. For years, Patrick has campaigned for better financial support for small-scale sheep and goat keepers. A 2019 petition was rejected by the Saxon State Parliament, but much has improved since then: where premiums used to start only at 50 animals, the threshold today is 37.

Patrick advocates granting subsidies from 20 animals onward—especially in the steep, small-scale terrain of Saxon Switzerland, this makes sense. Smaller herds are easier to manage here, and a lower subsidy threshold would encourage more people to take up landscape management with animals. For the region, this would be a real gain—for biodiversity, for tourism, for the cultural landscape.

Arriving at the top of the Quirl, with a view over rocks, forest, and the Elbe valley, you can feel what Patrick Pietsch has created with his project: living proof that nature conservation, sustainable agriculture, and regional value creation are not opposites, but can reinforce each other. The goats are more than just likeable mascots—they are tools, partners, and motivation all at once.

For hiking enthusiasts, nature conservation activists, and politically interested people, a goat hike is therefore much more than a nice day trip: it is an encounter with a different way of using, caring for, and understanding landscape. Those who have experienced it once walk through Saxon Switzerland with new eyes—and perhaps also with the insight that there is nothing good unless you do it yourself.

More information about the tours, the farm, and the volunteer positions is available at ziegen-wanderung.de and ziegen-hof.de.

Victor Smolinski

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