Tag2wo Vortagsbäckerei
& Kulturcafé

02.05.2014

Pepe und Lorenz führen seit 2023 einen Ort, an dem gerettete Backwaren, Segelkaffee, Musik und Gemeinschaft zusammenkommen. Hier wird nicht weggeworfen, sondern weitergedacht. 

Die Tag2wo-Bäckerei wurde 2012 von Manuela Schopf gegründet – mit der einfachen, aber radikalen Idee, Backwaren vom Vortag zu retten und zu fairen Preisen weiterzuverkaufen. Was damals als Antwort auf die Verschwendung hochwertiger Lebensmittel begann, hat sich über die Jahre zu einem festen Bestandteil der Neustadt entwickelt. Nach Manuela übernahm Jens Scheina – ein „Tausendsacher”, wie Pepe ihn nennt: zwei Höfe, eine Solarfirma, nebenbei für DHL unterwegs. Als Jens keine Zeit mehr fand, den Laden mit voller Energie zu führen, fragte er Pepe und Lorenz, ob sie sich vorstellen könnten, die Bäckerei zu übernehmen. Die beiden waren bereits als Mitarbeiter im Laden aktiv, gut vernetzt in der Dresdner Künstlerszene und hatten Lust, etwas zu gestalten. Seit Anfang 2023 sind sie die neuen Chefs – und haben den Laden zu einem Ort gemacht, an dem Hierarchien aufgelöst, Strukturen neu gefasst und Ideen willkommen sind.

Das Konzept ist simpel: Tag2wo verkauft ausschließlich Backwaren vom Vortag, eingekauft von kleinen, regionalen Handwerksbäckereien – keine Industrieware, viel davon nach ökologischen Standards produziert. Brötchen kosten maximal 50 Cent, Brot zwischen einem und zwei Euro. Dazu gibt es Segelkaffee aus Leipzig, der mit dem Segelboot über den Atlantik kam, und frisch aus der Siebträgermaschine für zwei Euro ausgeschenkt wird. „Wir bieten gefühlt den teuersten Kaffee in Dresden an”, sagt Pepe mit einem Lächeln, „aber trotzdem haben wir die Marge, dass wir auch Kunden mit kleinem Einkommen glücklich machen – und als Geschäft überleben können.”

Die Preisgestaltung ist bewusst so angelegt, dass kleine Rücklagen möglich sind, acht Mitarbeiter plus Miete bezahlt werden können – aber niemand reich wird. „Wir wollen die Gemeinschaft bereichern”, sagt Lorenz. Wer mal kein Geld dabeihat, bekommt trotzdem etwas – „wir finden immer eine Lösung”. So entsteht eine soziale Kreislaufwirtschaft, die nicht nur Lebensmittel rettet, sondern auch Menschen einbindet, die sonst oft außen vor bleiben.

Was am Ende des Tages übrig bleibt, wird nicht weggeworfen: Brot geht an Bauern für die Tierfütterung, Süßes wird an Menschen in Armut weitergegeben. Aus Altbrot entstehen Rumkugeln, Semmelbrösel, Backmischungen – die Ideen gehen nicht aus. „Wir überlegen jeden Tag, wie wir noch nachhaltiger werden können”, erzählt Pepe. In Dresden holen sie die Ware mit dem Fahrrad ab, aktuell bauen sie eine Rikscha um, um noch effizienter transportieren zu können.

Was Tag2wo besonders macht, ist nicht nur das Brot. Es ist die Atmosphäre. Schon bevor Pepe und Lorenz die Bäckerei übernahmen, gab es eine Gitarre im Laden. Ihre erste Amtshandlung als neue Chefs: ein Klavier auf das Podest stellen. „Vier Leute, vier Ecken – und das Klavier in der Mitte”, beschreibt Lorenz den Moment. Seitdem ist Musik fester Bestandteil: Jeden Freitag gibt es Küfa (Küche für alle) um 18 Uhr, ab 19 Uhr Konzerte, Lesungen, Workshops. Wer ein Instrument spielen will, kann das jederzeit tun. Klavier, Trommeln, Gitarre – alles steht bereit für spontane Jam-Sessions.

Das Publikum ist gemischt: Künstlerinnen, Studierende, Menschen mit und ohne Wohnung, Familien, Seniorinnen. „Was mir bei anderen Cafés auffällt, sind die Blasen, die da abhängen”, sagt Pepe. „Bei uns ist das Publikum durchmischt – und das gefällt uns. Die Menschen tauschen sich aus.” Keine Werbung, kein Schild – und trotzdem kommen Woche für Woche drei bis vier Anfragen von Menschen, die hier arbeiten möchten. „Wir haben einen guten Ruf als Bäckerei und Arbeitgeber, weil man sich hier einbringen kann.”

Tag2wo ist auch Knotenpunkt für die Neustadt: Vernetzt mit der NAJU, mit Ronny Zenker vom Foodsharing, der Treberhilfe, dem Neustadt Art Kollektiv. Kleine Schritte, große Wirkung. „Allein haben wir nicht mal einen Führerschein”, lacht Lorenz. „Schon deswegen sind wir nachhaltiger – wir sind aufs Fahrrad angewiesen oder fragen Leute mit Auto. Da wären wir wieder beim Thema Carsharing.”

So schön das Konzept klingt, so real sind auch die Widerstände. Pepe und Lorenz haben mit null Euro gestartet. Vorsteuer, Buchhaltungsfehler, Verbesserungen in der Küche, Ausbau der Hygienestandards – alles kostet. Rücklagen aufzubauen ist im ersten Jahr schwer, auch wenn die Kundschaft da ist. „Wir glauben, dass es bergauf geht”, sagt Pepe. „Aber es wäre schön, wenn nachhaltige Unternehmen besser gestützt würden.”

Besonders problematisch: Zwei Bäckereien, von denen Tag2wo bisher Ware bezogen hat, wurden von einem großen Unternehmen aufgekauft. Die neue Leitung verkauft die Reste nicht mehr weiter – „sie schmeißen sie lieber weg, wie uns mitgeteilt wurde”, erzählt Lorenz. Dadurch fehlt ein Teil des Angebots, was für die Kundschaft kritisch ist. Die Hintergründe bleiben unklar, aber die Botschaft ist deutlich: Wenn Konzerne kleine Strukturen schlucken, geht es selten um Nachhaltigkeit – sondern um Kontrolle.

Tag2wo ist kein perfektes System, aber ein lebendiges. Es zeigt, dass Wirtschaften auch anders geht: mit Transparenz, flachen Hierarchien, fairen Preisen und echtem Gemeinschaftssinn. Wer hier einkauft, rettet Lebensmittel, unterstützt regionale Handwerksbetriebe, finanziert Kultur und gibt Menschen eine Chance, die sonst oft übersehen werden.

Pepe und Lorenz wissen nicht, wie lange sie bleiben. „Wir machen weiter, solange unsere Leidenschaft nicht ausgeht”, sagt Pepe. „Vielleicht sind wir Besucher in diesem Laden, geben unsere Ideen weiter und entwickeln das Geschäft. Was die Zukunft bringt, bleibt ungewiss. Wir leben im Hier und Jetzt.” Und vielleicht ist genau das die Botschaft: dass es Orte wie Tag2wo braucht – nicht als Blaupause, sondern als Experiment, als Einladung, als Beweis, dass eine andere Art des Zusammenlebens möglich ist.

Wer einmal dort war, nimmt nicht nur Brot mit – sondern auch die Frage: Was könnte entstehen, wenn mehr Menschen bereit wären, Verantwortung zu teilen, Strukturen neu zu denken und Gemeinschaft nicht als Kulisse, sondern als Kern zu verstehen?

Since 2023, Pepe and Lorenz have been running a place where rescued baked goods, sail coffee, music, and community come together. Here, nothing is thrown away—everything is reimagined.

The Tag2wo bakery was founded in 2012 by Manuela Schopf—with the simple yet radical idea of rescuing day-old baked goods and reselling them at fair prices. What began as a response to the waste of high-quality food has, over the years, become a fixture of the Neustadt. After Manuela, Jens Scheina took over—a “jack-of-all-trades,” as Pepe calls him: two farms, a solar company, and a side gig delivering for DHL. When Jens no longer had the time and energy to run the shop at full throttle, he asked Pepe and Lorenz whether they could imagine taking over the bakery. The two had already been working as employees in the shop, were well connected in Dresden’s artist scene, and were eager to shape something themselves. Since early 2023, they’ve been the new bosses—and have turned the shop into a place where hierarchies are dissolved, structures are rethought, and ideas are welcome.

The concept is simple: Tag2wo sells exclusively day-old baked goods, sourced from small, regional artisan bakeries—no industrial products, much of it produced according to organic standards. Rolls cost no more than 50 cents, bread between one and two euros. They also serve sail coffee from Leipzig, which arrived by sailboat across the Atlantic and is freshly pulled from the espresso machine for two euros. “We probably offer the most expensive coffee in Dresden,” Pepe says with a smile, “but even so, we have enough margin to make customers with low incomes happy—and still survive as a business.”

Pricing is deliberately set so that small reserves can be built up, eight employees plus rent can be paid—but no one gets rich. “We want to enrich the community,” Lorenz says. If someone doesn’t have money with them, they still get something—“we always find a solution.” This creates a social circular economy that not only rescues food but also includes people who are often left out.

What remains at the end of the day is not thrown away: bread goes to farmers for animal feed, sweets are passed on to people living in poverty. Old bread becomes rum balls, breadcrumbs, baking mixes—the ideas never run out. “We think every day about how we can become even more sustainable,” Pepe says. In Dresden, they pick up goods by bicycle; currently, they’re converting a cargo bike to transport even more efficiently.

What makes Tag2wo special isn’t just the bread. It’s the atmosphere. Even before Pepe and Lorenz took over the bakery, there was a guitar in the shop. Their first official act as new bosses: placing a piano on the stage. “Four people, four corners—and the piano in the middle,” Lorenz describes the moment. Since then, music has been a fixed part of life here: every Friday there’s Küfa (kitchen for all) at 6 p.m., followed by concerts, readings, and workshops from 7 p.m. onward. Anyone who wants to play an instrument can do so at any time. Piano, drums, guitar—everything is ready for spontaneous jam sessions.

The audience is mixed: artists, students, people with and without housing, families, seniors. “What I notice about other cafés are the bubbles that hang out there,” Pepe says. “Here, the crowd is mixed—and that’s what we like. People exchange ideas.” No advertising, no sign—and yet, week after week, three to four people apply to work here. “We have a good reputation as a bakery and employer because you can really contribute here.”

Tag2wo is also a hub for the Neustadt: connected with NAJU, with Ronny Zenker from Foodsharing, the Treberhilfe, the Neustadt Art Collective. Small steps, big impact. “We don’t even have a driver’s license between us,” Lorenz laughs. “That’s why we’re more sustainable—we depend on bicycles or ask people with cars. Which brings us back to car-sharing.”

As beautiful as the concept sounds, the challenges are real. Pepe and Lorenz started with zero euros. Input tax, bookkeeping errors, kitchen improvements, upgrades to hygiene standards—everything costs money. Building reserves is hard in the first year, even with a steady customer base. “We believe things are looking up,” Pepe says. “But it would be nice if sustainable businesses received better support.”

Particularly problematic: two bakeries that Tag2wo previously sourced from were bought by a large company. The new management no longer sells the leftovers—“they’d rather throw them away, as we were told,” Lorenz explains. This means part of the offering is now missing, which is critical for customers. The background remains unclear, but the message is clear: when corporations swallow small structures, it’s rarely about sustainability—it’s about control.

Tag2wo is not a perfect system, but a living one. It shows that business can work differently: with transparency, flat hierarchies, fair prices, and a genuine sense of community. Anyone who shops here rescues food, supports regional artisan businesses, funds culture, and gives people a chance who are often overlooked.

Pepe and Lorenz don’t know how long they’ll stay. “We’ll keep going as long as our passion doesn’t run out,” Pepe says. “Maybe we’re just visitors in this shop, passing on our ideas and developing the business. What the future brings remains uncertain. We live in the here and now.” And perhaps that’s exactly the message: that places like Tag2wo are needed—not as a blueprint, but as an experiment, an invitation, proof that another way of living together is possible.

Anyone who has been there takes away more than just bread—they take home a question: What could emerge if more people were willing to share responsibility, rethink structures, and understand community not as a backdrop, but as the core?

Victor Smolinski

Professional photography & film for people, teams, and organisations — portraits, events, and stories captured with clarity.

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