
Biolandwirt Bernhard Probst
21.03.2024
Am westlichen Rand von Dresden, dort, wo die Stadt langsam in Felder, Wiesen übergeht, liegt das Vorwerk Podemus. Höfe statt Betonklötze, Kühe statt Autos, Mist statt Chemiecocktail, Handwerk statt Agrarfabrik – und mittendrin Bernhard Probst, der diesen Hof in eine konsequent ökologische Zukunft führt. Podemus wirkt auf den ersten Blick wie ein Bilderbuchhof mit Laden, Tieren und Blick über die Landschaft. Doch wer genauer hinschaut, sieht: Hier wird nicht Romantik inszeniert, sondern an einer anderen Form von Landwirtschaft gearbeitet – mit Boden unter den Fingernägeln, klarem politischem Bewusstsein und einer langen Familiengeschichte im Rücken.
On the western edge of Dresden, where the city slowly fades into fields and meadows, lies Vorwerk Podemus. Farmyards instead of concrete blocks, cows instead of cars, manure instead of chemical cocktails, craftsmanship instead of agri factory – and right in the middle of it all, Bernhard Probst, who is leading this farm into a consistently ecological future. At first glance, Podemus looks like a picture book farm with shop, animals and views across the landscape. But a closer look reveals: this is not about staging rustic romance, it is about building a different kind of agriculture – with soil under the fingernails, clear political awareness and a long family history in the background.
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Wandel wächst am Stadtrand von Dresden – Das Vorwerk Podemus
Ein Hof mit starken Wurzeln
Die Geschichte beginnt nicht erst mit Bernhard, sondern mit seinen Eltern: Beide promovierte Bodenkundler, vertrieben durch Enteignung und Zwangskollektivierung in der DDR, als bäuerliche Betriebe über 100 Hektar schlicht „verschwanden“ und in Großstrukturen überführt wurden. Die Zerstörung der kleinteiligen Landschaft – Hecken weg, riesige Schläge, neue Ställe wie Fremdkörper im Dorf – hat sich tief ins Familiengedächtnis eingebrannt. Als die Familie nach der Wende in Podemus neu anfängt, ist klar: Wenn hier wieder Landwirtschaft betrieben wird, dann anders – mit Respekt vor dem Boden, mit Blick auf Biodiversität und mit dem Ziel, einen bäuerlichen Betrieb im besten Sinne wiederzubeleben.
Podemus ist heute ein Bio-Milchvieh- und Ackerbaubetrieb mit eigener Hofmolkerei, Fleischerei und Hofmarkt, dazu beliefern sie Bioläden in der Region. Die Wertschöpfungskette verläuft kurz und durchsichtig: vom Feld zur Kuh, von der Kuh in die Molkerei, von dort in die Regale – ohne Umwege über anonyme Großstrukturen.
„Öko“ als Handwerk und Denksport
Wer Bernhard Probst zuhört, merkt schnell: Hier spricht keiner, der sich über „gute Gefühle“ definiert. Er betont, dass er eine ganz klassische landwirtschaftliche Ausbildung durchlaufen hat – und hält das für unverzichtbar, gerade im Ökolandbau. Viele Betriebe, sagt er, scheitern nicht an der Idee, sondern am Handwerk: an Fruchtfolgen, an Stallmanagement, an der nüchternen Realität von Arbeit, Risiko und Wetter.
Konventionelle Landwirtschaft beschreibt er ohne Häme, aber mit Klarheit: Wer Raps, Weizen, Gerste im engen Takt hintereinander anbaut, kann sich oft auf Schema-F-Programme verlassen – Pflanzenschutzmittelberater, die zugleich Verkäufer sind, liefern Rezepte, die „zu 90, 99 Prozent zum Erfolg führen“. Nicht trivial, aber berechenbar. Im Ökolandbau funktioniert das nicht.
Ein Beispiel, an dem sich seine Haltung zeigt, sind Disteln und Quecken – Leitunkräuter, die sich nicht mit einem Spritzdurchgang erledigen lassen. Einen queckenfreien Acker erreicht man nur, wenn über mehrere Jahre hinweg fast alles stimmt: Fruchtfolge, Bodenbearbeitung, Zeitpunkt der Arbeiten. „Alles richtig machen geht nicht“, sagt er, und das ist kein resignierter Satz, sondern die Beschreibung einer Arbeit, die intellektuell bleibt: Die Pflanze macht nicht, was der Mensch will, sondern was sie selbst will. Landwirtschaft wird zur dauernden Auseinandersetzung mit einem lebendigen System, nicht zum Abarbeiten von Checklisten.
Wenn gute Praxis auf absurde Regeln trifft
Besonders eindrücklich wird die Geschichte dort, wo sich fachlich sinnvolle Praxis und starre Regelwerke ineinander verkeilen. Auf den Grünlandflächen rund um Podemus hat der Betrieb über die Jahre eine hohe Artenvielfalt aufgebaut: durch wechselnde Beweidung, frühe „Vorweide“, keine Entwurmung der Kühe, keinen Herbizideinsatz – kurz: durch gutes, bodennahes Management statt „Biodiversität auf dem Papier“.
Das Ergebnis: Wiesen mit vielen sogenannten Kennarten, also Pflanzen, die als Indikatoren für hohe Biodiversität gelten. Genau diese Vielfalt löst jedoch eine paradoxe Rechtsfolge aus: Weil die Wiesen so artenreich sind, greifen besonders strenge Naturschutzauflagen. Statt weiterhin naturnah zu beweiden, soll ein Teil der Flächen nur noch spät im Jahr gemäht und das Mahdgut händisch abgeräumt werden – eine Nutzung, die zwar formal „schützt“, praktisch aber mittelfristig zu weniger Arten führen würde. Die Kühe, die diese Biodiversität erst möglich gemacht haben, dürfen aus Naturschutzgründen nicht mehr auf die Fläche. Maschinen sind erlaubt, Weidetiere nicht.
Bernhard beschreibt das als absurd – und mit ihm das Dresdner Umweltamt, das die Wiesen als Hotspot der Biodiversität anerkennt. Hier wird deutlich, wie sehr Landwirtschaft, Umweltrecht und Förderlogik oft aneinander vorbeilaufen: Ein Betrieb, der genau das tut, was in Sonntagsreden gefordert wird – Boden fruchtbar halten, Artenvielfalt fördern, Tiere artgerecht halten –, gerät in Konflikt mit Regeln, die nicht zwischen Theorie und funktionierender Praxis unterscheiden.
Ähnlich widersprüchlich ist die Einstufung von Flächen in sogenannte rote Gebiete: Weil an einem Messpunkt im Einzugsgebiet erhöhte Stickstoffwerte registriert wurden, muss auch Podemus zusätzliche Proben nehmen und umfangreich dokumentieren – obwohl der Betrieb seit Jahren nachweislich mit Nährstoffdefizit arbeitet und technisch kaum überdüngen könnte. Der Effekt auf die Wasserqualität ist gleich null, der Effekt auf Arbeitszeit und Bürobelastung immens.
Klimawandel im Heu: Wie sich das Wetter anfühlt
Ein anderer Strang der Geschichte erzählt den Klimawandel nicht mit Diagrammen, sondern mit Heugabeln. Bernhard erinnert sich an die 1990er Jahre: „Elefantengras“-hohes Futter, Wiesen, auf denen man mit dem Jungvieh kaum hinterherkam, häufige Regenfälle, Heu machen als nervenaufreibende Wettlaufaktion gegen das nächste Tiefdruckgebiet. Heute dominiert „Kurzrasenweide“ – der erste Schnitt ist meist gut, der zweite oft „nix“.
Was in Klimaberichten als Trockenjahr auftaucht, bedeutet auf dem Hof: weniger Futter, mehr Zukauf, mehr Risiko. Die Ernte ist nicht mehr Kampf gegen zu viel Nässe, sondern gegen die ausbleibende. Maschinen und Technik lassen sich anpassen, aber die grundlegende Frage bleibt: Wie kann Landwirtschaft unter diesen Bedingungen so betrieben werden, dass Böden nicht auslaugen, Tiere gut versorgt sind und Betriebe wirtschaftlich überleben?
Öko-Betriebe wie Podemus setzen hier auf Leguminosen (Klee, Luzerne) im Feldfutterbau, Mist als organischen Dünger und vielfältige Fruchtfolgen, um die Böden resilient zu halten. Das ist aufwendiger als ein enger Mais-Weizen-Rhythmus, aber es stabilisiert die Flächen – und damit auch die regionale Versorgung.
Öko als Mehrwert für den ländlichen Raum
Podemus ist nicht nur ein Produktionsbetrieb, sondern Teil eines größeren Gefüges im ländlichen Raum. Öko-Betriebe wie dieser schaffen im Schnitt mehr Arbeitsplätze pro 100 Hektar als konventionelle Großbetriebe, die durch Rationalisierung und große Maschinen Arbeitskräfte einsparen. Wertschöpfung bleibt in der Region, weil Verarbeitung – Milch, Fleisch, teils auch weitere Produkte – auf dem Hof oder in eigenen Strukturen stattfindet.
Gleichzeitig leisten solche Betriebe messbare Gemeinwohl-Beiträge: bessere Wasserinfiltration, weniger Nitratauswaschung, geringere Treibhausgasemissionen pro Fläche, deutlich höhere Artenvielfalt auf Acker- und Grünland. Das klingt abstrakt, wird aber sehr konkret, wenn man sich klarmacht: Hier entsteht eine Landschaft, in der Kinder noch verschiedene Wiesenblumen sehen, Insekten summen und Bodenlebewesen ungestörter arbeiten können.
Essen als politische Entscheidung
Am Ende ist die Geschichte von Podemus und Bernhard Probst auch eine Einladung, das eigene Essverhalten neu zu betrachten. Wer im Hofladen einkauft oder Produkte aus dem Betrieb in Dresdner Bioläden findet, kauft nicht nur Milch, Käse oder Fleisch – sondern unterstützt eine bestimmte Art, mit Boden, Tieren und Menschen umzugehen.
Die zentrale Botschaft lautet: Ein Hof wie Podemus ist kein nostalgischer Rückzugsort, sondern ein Labor für die Zukunft der Landwirtschaft. Er zeigt, dass es möglich ist, auf hohem fachlichen Niveau, ökologisch konsequent, regional orientiert und wirtschaftlich tragfähig zu arbeiten – trotz Bürokratie, trotz politischer Widersprüche, trotz Klimastress.
Wer diese Geschichte liest, muss kein Öko-Freak werden. Aber vielleicht bleibt beim nächsten Einkauf die Frage hängen: Wer profitiert von meinem Geld – anonyme Agrarkonzerne oder Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen? Und welche Landschaft, welche Höfe, welche Arbeitsbedingungen möchte ich mit jedem Einkaufszettel mitfinanzieren? Podemus gibt darauf eine sehr konkrete, sehr bodenständige, aber auch sehr inspirierende Antwort.
Growing Change at the Edge of the City Dresden
A farm with a long memory
The story does not begin with Bernhard, but with his parents: both of them PhD soil scientists, driven out by expropriation and forced collectivisation in the GDR, when family farms over 100 hectares simply “disappeared” and were merged into large units. The destruction of the small‑scale landscape – hedges removed, huge fields, new barns like foreign bodies in the villages – has burned itself deeply into the family’s memory. When the family starts again in Podemus after reunification, one thing is clear: if farming returns here, it will be different – with respect for the soil, with an eye on biodiversity and with the aim of reviving a truly peasant farm.
Today Podemus is an organic dairy and arable farm with its own creamery, butchery and farm shop, and it also supplies organic shops in the region. The value chain is short and transparent: from field to cow, from cow to dairy, from there to the shelves – without detours through anonymous large structures.
“Organic” as craft and mental challenge
Anyone who listens to Bernhard Probst quickly realises: this is not someone who defines himself through “good vibes”. He emphasises that he went through a very traditional agricultural training – and considers that indispensable, especially in organic farming. Many farms, he says, do not fail because of the idea, but because of the craft: crop rotations, stable management, and the sober reality of labour, risk and weather.
He describes conventional agriculture without malice, but with clarity: those who grow rapeseed, wheat and barley in tight succession can often rely on off‑the‑shelf programmes – crop protection advisers, who are also the sellers, provide recipes that “lead to success in 90, 99 percent of cases”. Not trivial, but predictable. Organic farming does not work like that.
One example that reveals his attitude are thistles and couch grass – key weeds that cannot be dealt with in a single spray pass. You only get a field free of couch grass if almost everything is done right over several years: crop rotation, soil cultivation, timing of operations. “You can’t get everything right,” he says – and that is not a resigned statement, but a description of work that remains intellectually demanding: the plant does not do what the human wants, but what it wants. Farming becomes a continuous engagement with a living system, not the ticking off of checklists.
When good practice collides with absurd rules
The story becomes particularly striking where technically sound practice and rigid regulations collide. On the grassland around Podemus, the farm has built up high biodiversity over the years: through changing grazing, early “pre‑grazing”, no worming of the cows, no herbicides – in short: through good, soil‑based management instead of “biodiversity on paper”.
The result: meadows with many so‑called indicator species, plants that are recognised as signs of high biodiversity. Yet this very diversity triggers a paradoxical legal consequence: because the meadows are so species‑rich, particularly strict nature conservation rules apply. Instead of continuing close‑to‑nature grazing, part of the land is supposed to be cut only late in the year and the cut material removed by hand – a use that formally “protects” the area, but in practice would lead to fewer species in the medium term. The cows that made this biodiversity possible in the first place are no longer allowed on the land for conservation reasons. Machines are permitted, grazing animals are not.
Bernhard calls this absurd – and so does the Dresden environmental authority, which recognises the meadows as a biodiversity hotspot. Here it becomes clear how agriculture, environmental law and subsidy logic often work past each other: a farm that does exactly what politicians demand in Sunday speeches – keep soil fertile, support biodiversity, ensure animal welfare – ends up in conflict with rules that do not distinguish between theory and functioning practice.
The classification of fields as so‑called “red zones” is similarly contradictory: because elevated nitrogen levels were measured at a single monitoring point in the catchment area, Podemus must also take extra samples and provide extensive documentation – although the farm has demonstrably been operating with a nutrient deficit for years and technically could hardly over‑fertilise. The effect on water quality is effectively zero; the effect on working time and office workload is enormous.
Climate change in the hay: what weather feels like
Another strand of the story tells the tale of climate change not with graphs, but with hay forks. Bernhard remembers the 1990s: forage as high as “elephant grass”, meadows where you could barely keep up with the young cattle, frequent rain, haymaking as a nerve‑wracking race against the next low‑pressure system. Today, “short‑grazed pasture” dominates – the first cut is usually good, the second often “nothing”.
What appears in climate reports as a “dry year” means on the farm: less feed, more purchases, more risk. Harvest is no longer a battle against too much moisture, but against the lack of it. Machinery and technology can be adapted, but the fundamental question remains: how can farming be done under these conditions so that soils are not exhausted, animals are well supplied and farms survive economically?
Organic farms like Podemus rely on legumes (clover, lucerne) in fodder crops, manure as organic fertiliser and diverse crop rotations to keep soils resilient. It is more labour‑intensive than a narrow maize‑wheat rhythm, but it stabilises the fields – and with them regional food security.
Organic as added value for rural areas
Podemus is not just a production unit, but part of a larger fabric in the rural region. Organic farms like this create on average more jobs per 100 hectares than large conventional operations that replace labour with ever bigger machines. Value creation stays in the region because processing – milk, meat and some other products – takes place on the farm or within its own structures.
At the same time, such farms provide measurable public benefits: better water infiltration, less nitrate leaching, lower greenhouse gas emissions per hectare, significantly higher biodiversity on arable and grassland. That may sound abstract, but it becomes very concrete when you realise: this is a landscape where children can still see different meadow flowers, hear insects buzzing and know that soil life can do its work with less disturbance.
Food as a political choice
In the end, the story of Podemus and Bernhard Probst is also an invitation to rethink one’s own eating habits. Anyone who shops at the farm shop or buys products from the farm in Dresden’s organic stores is not just buying milk, cheese or meat – they are supporting a specific way of treating soil, animals and people.
The core message is: a farm like Podemus is not a nostalgic retreat, but a laboratory for the future of agriculture. It proves that it is possible to work at a high professional level, ecologically consistent, regionally oriented and economically viable – despite bureaucracy, political contradictions and climate stress.
You do not have to become an “eco‑freak” after reading this story. But perhaps next time you shop, a question will linger: who benefits from my money – anonymous agribusinesses or people who are willing to take responsibility? And which landscapes, which farms, which working conditions do I want to co‑finance with every shopping list? Podemus offers a very concrete, very down‑to‑earth and at the same time highly inspiring answer.


















