Der Wandelgrund

07.08.2025

Es gibt einen zauberhaften Ort in Dresden, der noch wenigen Menschen bekannt ist. Doch das kann sich bald ändern. Am Rand von Dresden, in Naußlitz, liegt der Wandelgrund: ein kleiner und effizienter Hof, der früher „Wiesengrund“ hieß und vom Kleinbauern Ludewig nach dem Gärtnerhofkonzept bewirtschaftet wurde. Heute führen Ludwig Stephan und Lena Sophie Gauß das rund zweieinhalb Hektar große Areal als ökologischen Mischbetrieb mit Hühnern, Schafen, Obstbäumen, Gemüsebeeten und mehrjährigem Roggen weiter. Schulklassen, Hühnerpat:innen und Nachbar:innen erleben hier, wie auf kleiner Fläche eine vielfältige Landwirtschaft entstehen kann. Bei meinem Besuch zur Hofladeneröffnung hatte ich das Gefühl, gleichzeitig in die Vergangenheit und in eine mögliche Zukunft der Landwirtschaft zu schauen – ein Ort, der wirkt, als sei er ein Stück aus der Zeit gefallen.

There is a magical place in Dresden that only few people know about yet. That might soon change. On the edge of the city, in the district of Naußlitz, lies “Wandelgrund”: a small and efficient farm that used to be called “Wiesengrund” and was run by a smallholder named Ludewig according to the traditional “Gärtnerhof” concept. Today, Ludwig Stephan and Lena Sophie Gauß manage the roughly two-and-a-half-hectare site as an organic mixed farm with chickens, sheep, fruit trees, vegetable beds and even perennial rye. School classes, chicken sponsors and neighbours experience how diverse agriculture can be on a small piece of land. When I visited for the opening of the farm shop, it felt as if I was looking into the past and at the same time into a possible future of agriculture – a place that seems to have fallen out of time.

Vom Wiesengrund zum Wandelgrund

Der Wandelgrund liegt etwas abseits der Saalhausener Straße, nur über einen Feldweg erreichbar. Das Gelände umfasst rund zweieinhalb Hektar mit Wohnhaus, Wirtschaftsgebäuden, Stallungen, Obstwiesen, Gemüsebeeten und kleinen Getreideparzellen, auf denen unter anderem mehrjähriger Roggen steht. Historisch geht der Ort auf den „Wiesengrund“ zurück, einen nach dem Gärtnerhofkonzept geführten Kleinbauernhof, der zu DDR‑Zeiten und darüber hinaus von der Familie Ludewig bewirtschaftet wurde.

Der Mann, der diesen Hof prägte, fand einst eine Lücke im System: Im Sommer arbeitete die Familie auf den Feldern, im Winter entstanden nach und nach neue Gebäude, die bis heute das Ensemble bestimmen. Nach seinem Tod suchten die Erben Menschen, die das Grundstück weiter ökologisch bewirtschaften wollten – so kamen Ludwig und Lena ins Spiel, die 2023 einen Pachtvertrag unterschrieben und den Ort in „Wandelgrund“ umbenannten.

Eine Biografie, die zurückkehrt

Für Ludwig ist der Wandelgrund eine Rückkehr: Er ist in der Nähe aufgewachsen und war als Drittklässler selbst im Landwirtschaftspraktikum der Dresdner Waldorfschule auf diesem Hof, damals noch beim alten Herrn Ludewig. Später studierte er Agrarwissenschaften in Halle, suchte nach Alternativen zur konventionellen Lehre und vertiefte sich in Schweden in Agrarökologie. Als er durch Bekannte vom anstehenden Generationswechsel im Wiesengrund erfuhr, schrieb er im sprichwörtlich richtigen Moment eine E‑Mail – aus dieser E‑Mail entwickelte sich die Hofübergabe, aus dem Wiesengrund der Wandelgrund.

Lena bringt ihre Erfahrungen vom Land aus Baden‑Württemberg mit, wo ihr Großvater einer der letzten Landwirte im Dorf war. Beide haben mit dem Wandelgrund keinen romantischen Nebenort geschaffen, sondern ihren Lebensmittelpunkt: Haus, Kind, Hof – und den Anspruch, Landwirtschaft, Bildung, Kunst und Kultur an einem Ort zu verbinden.

Landwirtschaft auf kleiner Fläche

Heute ist der Wandelgrund ein ökologischer Mischbetrieb, der zeigt, was auf begrenzter Fläche möglich ist. Auf den Feldern wachsen Roggen, Weizen, Einkorn, Erbsen und verschiedene Gemüsearten wie Kartoffeln, Rote und Gelbe Bete, Möhren, Zwiebeln, Bohnen, Zucchini, Kürbis und Mais; dazu kommen Obstbäume mit Äpfeln, Birnen, Pflaumen, Renekloden sowie zahlreiche Beerensträucher.

Besonders ins Auge fällt der mehrjährige Roggen, dessen dichter Bestand von einer vielfältigen Begleitflora durchzogen ist. Ludwig hat dazu ein Forschungsprojekt mit der HTW Dresden initiiert, in dem es um die Chancen mehrjähriger Getreide für Bodenfruchtbarkeit, Ertrag und Arbeitsaufwand geht.

Den alten Ferguson‑Mähdrescher hat Ludwig von seinen Großeltern bekommen – eine Maschine, mit der er schon als Kind auf dem Schoss des Großvaters mitgefahren ist. Er holte sie aus dem Erzgebirge nach Dresden. Der Ferguson passt perfekt in dieses Bild: eine Maschine, deren Größe und Technik zu einem kleinen, vielfältigen Betrieb passen, nicht zu tausenden Hektar Monokultur. Sie ist ein Werkzeug, das Generationen verbindet und Wissen bewahrt.

An einem heißen Sommertag durfte ich erleben, wie Ludwig mit dieser Maschine das Getreide dreschte. Etwa die Hälfte des Feldes war eingeholt, als die Maschine plötzlich in der prallen Sonne stehen blieb – ein technisches Problem mitten im Getreide. Auf großen Feldern mit modernen Maschinen hätte dies bedeutet: einen Spezialisten anrufen, die Maschine abschleppen oder eine Ersatzmaschine anfordern – aufwendig und teuer. Ludwig hingegen lief in wenigen Minuten hinunter in seine Werkstatt und kam mit dem passenden Werkzeug zurück. Er musste nur warten, bis die Maschine sich ein wenig abgekühlt hatte, bevor er die Reparatur in der Hitze vornehmen konnte. Mit ruhiger Hand und großer Erfahrung brachte er die alte Ferguson wieder zum Laufen.

Die Hitze offenbarte zwei Dinge: erstens, dass der Besitz einer eigenen Werkstatt und tiefe Maschinenkenntnis –eine Form von Unabhängigkeit und Resilienz ist, die große Betriebe nicht haben. Zweitens zeigt es, wie sehr die alte Technologie zu diesem Hof passt. Ein lebendiges Museum. Doch beim Zusehen fragte ich mich auch: Wie wird die Landwirtschaft aussehen, wenn es immer heißer wird? Wird es in 50 Jahren noch Landwirtschaft geben oder zieht die Landwirtschaft um, in gekühlten und LED-beleuchteten Fabrikhäusern?

Bemerkenswert ist auch das Netzwerk, in dem Ludwig sich bewegt: Ferguson-Fahrer tauschen weltweit Wissen und Material aus. Diese Maschinen gibt es kaum noch in Deutschland und Europa, doch die Community dahinter ist lebendig. Das ist eine Form von Zusammenhalt und gegenseitiger Hilfe, die man von den großen Agrarkonzernen nicht behaupten kann.

Tiere, Bäume und Bienen als Mitbewohner

Zur Landwirtschaft gehört hier immer auch Tierhaltung: Auf den Wiesen zwischen den Bäumen weiden Schafe, die als Landschaftspfleger und zugleich als Bildungsanlass dienen. Besonders sind die Dresdner Hühner – eine in den 1950er‑Jahren in der Region gezüchtete Zweinutzungsrasse, die Eier legt und zugleich Fleisch ansetzt. Im Agroforstsystem unter Obstbäumen finden sie Schatten, Schutz und Futter, während ihre Bewegung und ihr Mist den Boden beleben.

Zwischen Obstbäumen und Beeten stehen am Wandelgrund auch mehrere Bienenstöcke, die an einem heißen Sommertag zur Bühne für eine kleine Honigernte wurden, die ich mit meiner Tochter miterleben durfte. Während ein Imker die Waben vorsichtig aus dem Bienenstock hob und in das kleine Schleuderhäuschen trug, stand meine Tochter ein paar Meter entfernt zwischen den Brombeersträuchern und naschte Beeren – sicher, aber mitten im Geschehen. Drinnen erklärte Ludwig ihr geduldig, wie die Honigschleuder funktioniert, warum die entdeckelten Waben erst mit einer speziellen Gabel geöffnet werden und wieso es sich beim Drehen der Trommel anhört, als würde draußen ein Sommerregen einsetzen. Als der erste goldene Honig an der Wand der Trommel hinunterlief, durften wir probieren: Er schmeckte dichter, süßer, intensiver als jeder Honig aus dem Glas im Supermarkt und hätte an diesem heißen Tag perfekt auf eine Kugel Eis gepasst. Gleichzeitig wurde klar: Die Bienen sind hier nicht nur Honiglieferanten, sondern wichtige Mitarbeiterinnen für die Bestäubung der Bäume und Sträucher, die den Wandelgrund so fruchtbar machen.

Lernen, zeigen, diskutieren

Der Wandelgrund versteht sich nicht in erster Linie als Produktionsbetrieb, sondern als Ort des Zeigens und Lernens. Ludwig sagt selbst, dass es auf dieser Fläche schwer wäre, allein über den Verkauf von Produkten zwei Einkommen zu finanzieren – dafür bräuchte es eine andere Art von Effizienz, mehr Technik, längere Öffnungszeiten. Stattdessen setzen er und Lena darauf, Vielfalt sichtbar zu machen: Tomaten, die in Roggenmulch wachsen, Kartoffeln, die mit viel Handarbeit und Schulklassen angebaut werden, Hühner, die unter Obstbäumen laufen.

In Zusammenarbeit mit der Dresdner Waldorfschule bauen Schülerinnen und Schüler einen mobilen Hühnerstall und erleben den Weg vom Ei bis zum fertigen Stall. Über Hühnerpatenschaften können Menschen aus der Stadt Verantwortung für Tiere übernehmen und regelmäßig Eier abholen, ohne selbst einen Stall im Garten zu haben. Führungen, Kurse zum Imkern oder zum Bau von Holzrechen sowie Veranstaltungen des Vereins Werk Wandel Dresden machen den Hof nach und nach zu einem öffentlichen Lernort.

Ein Hof als Frage an die Stadt

Wer vom Wandelgrund wieder hinunter in die Stadt fährt, nimmt mehr mit als einen Beutel Gemüse oder Eier. Der Hof wirft stille Fragen auf: Wie viel Fläche braucht ein Mensch, um gut versorgt zu sein? Welche Kosten stecken wirklich in unserem Essen – auch die, die wir über Klimafolgen und Gesundheit bezahlen? Und wie sähe eine Stadt aus, in der solche kleinen, vielfältigen Höfe nicht Ausnahme, sondern selbstverständlicher Teil der Versorgung wären?

Für Ludwig und Lena bleibt der Alltag dabei ein Balanceakt zwischen Idealismus und wirtschaftlicher Realität. Sie sind Anfang 30, haben eine Familie gegründet, einen Hof übernommen und bauen sich gerade ihren Lebensort auf – mit viel Freiheit, aber auch mit der Verantwortung, dass am Ende des Monats genug Geld da ist. Der Wandelgrund zeigt, wie viel auf kleiner Fläche möglich ist, und stellt gleichzeitig die Frage, welche Art von Landwirtschaft wir als Gesellschaft unterstützen wollen.

Vielleicht wird dieser Ort in ein paar Jahren kein Geheimtipp mehr sein. Doch gerade jetzt, wo noch nicht jede:r den Weg durch das Tor kennt, lässt sich hier etwas beobachten, das selten geworden ist: wie ein Hof mit seiner Geschichte nicht zum Museum wird, sondern in neuen Händen weiterlebt

From Wiesengrund to Wandelgrund

Wandelgrund lies slightly off Saalhausener Straße, behind a rusty gate, accessible only via a dirt track. The site covers about two and a half hectares with a farmhouse, utility buildings, barns, orchards, vegetable plots and small grain fields, where perennial rye is growing among other crops. Historically, the place goes back to “Wiesengrund”, a small “Gärtnerhof”-type farm that was managed by the Ludewig family during the GDR period and beyond.​

The farmer who shaped this place once found a loophole in the system: in summer, the family worked the fields, in winter they gradually added new buildings, which still define the ensemble today. After his death, the heirs looked for people who would continue to farm the land organically – this is how Ludwig and Lena came into the picture, signed a lease contract in 2023 and renamed the place “Wandelgrund”.​

A biography that comes back home

For Ludwig, Wandelgrund is a kind of homecoming: he grew up nearby and, as a third-grader at the Waldorf School in Dresden, did his agricultural internship on this very farm, back then still with old Mr Ludewig. Later he studied agricultural sciences in Halle, searched for alternatives to conventional teaching and went on to study agroecology in Sweden. When he heard from friends about the upcoming change of generations at Wiesengrund, he wrote an e-mail at exactly the right moment – from that e-mail the farm transfer evolved, and Wiesengrund became Wandelgrund.​

Lena brings her own experience from rural Baden-Württemberg, where her grandfather was one of the last farmers in the village. Together, they have not created a romantic side project, but their centre of life: a house, a child, a farm – and the ambition to combine agriculture, education, art and culture in one place.​

Agriculture on a Small Scale

Today, Wandelgrund is an organic mixed farm that demonstrates what is possible on limited land. The fields grow rye, wheat, einkorn, peas, and various vegetables such as potatoes, red and golden beets, carrots, onions, beans, zucchini, squash, and corn; there are also fruit trees bearing apples, pears, plums, and nectarines, as well as numerous berry bushes.

What immediately stands out is the perennial rye, its dense stand interwoven with diverse accompanying flora. Ludwig has initiated a research project with HTW Dresden exploring the potential of perennial grains for soil fertility, yield, and labor efficiency.

Ludwig inherited the old Ferguson combine harvester from his grandparents – a machine he rode on as a child, sitting on his grandfather’s lap. He brought it from the Ore Mountains to Dresden. The Ferguson fits perfectly into this picture: a machine whose size and technology are suited to a small, diverse farming operation, not to thousands of hectares of monoculture. It is a tool that connects generations and preserves knowledge.

On a hot summer day, I had the opportunity to witness Ludwig harvesting grain with this machine. About half the field had been harvested when the machine suddenly stopped in the blazing sun – a technical problem in the middle of the grain field. On large farms with modern machinery, this would have meant calling in a specialist, having the machine towed away, or requesting a replacement – costly and time-consuming. Ludwig, however, ran down to his workshop in just a few minutes and returned with the right tools. He only had to wait until the machine had cooled down somewhat before he could carry out the repair in the heat. With a steady hand and great experience, he got the old Ferguson running again.

The heat revealed two things: first, that owning one’s own workshop and having deep mechanical knowledge – a form of independence and resilience – is something large operations don’t have. Second, it shows how perfectly the old technology suits this farm. A living museum. Yet as I watched, I also found myself wondering: What will agriculture look like when it keeps getting hotter? Will there still be agriculture in 50 years, or will farming move into cooled and LED-lit factory buildings?

Also remarkable is the network Ludwig is part of: Ferguson operators worldwide share knowledge and parts. These machines are rarely found in Germany and Europe anymore, yet the community behind them is thriving. It is a form of solidarity and mutual aid that cannot be said of large agricultural corporations.

Animals, trees and bees as co‑workers

Here, livestock is always part of the farming system: sheep graze between the trees, acting both as landscape managers and as an educational attraction. A special feature are the “Dresdner Hühner” – a dual‑purpose chicken breed developed in the region in the 1950s that lays eggs and also puts on enough meat for the pot. In an agroforestry setup under fruit trees they find shade, shelter and feed, while their movement and manure help to enliven the soil.​

Between fruit trees and beds there are also several beehives which became the stage for a small honey harvest on a hot summer’s day that I was able to experience with my daughter. While a beekeeper carefully lifted the frames from the hive and carried them into the small extraction shed, my daughter stood a few metres away among the blackberry bushes, eating berries – safe, yet right in the middle of the action. Inside, Ludwig patiently explained how the honey extractor works, why the uncapped combs are first opened with a special fork and why the turning drum sounds like summer rain outside. When the first golden honey ran down the inside of the drum, we were allowed to taste it: it was denser, sweeter, more intense than any honey from a supermarket jar and would have been perfect on a scoop of ice cream that hot day. At the same time it became clear that the bees are not just honey suppliers, but important co‑workers, pollinating the trees and shrubs that make Wandelgrund so productive.​

Learning, showing, discussing

Wandelgrund does not primarily see itself as a production farm, but as a place for showing and learning. Ludwig openly says that on this area it would be hard to finance two full incomes just through product sales – that would call for a very different idea of efficiency, more technology, longer opening hours. Instead, he and Lena focus on making diversity visible: tomatoes growing in rye mulch, potatoes planted with a lot of hand work and school classes, chickens roaming under fruit trees.​

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